Bernadette Schiefer – Agavenvögel. Abwesenheit des Lichts

Bernadette Schiefer – Agavenvögel. Abwesenheit des Lichts

Agavenvögel. Abwesenheit des Lichts ist das Lyrikdebüt (incl. Prosaminiaturen) von Bernadette Schiefer (von der es allerdings schon einen Roman, zwei Erzählungssammlungen und mehrere Theaterstücke gibt) und der erst zweite Band in der recht neuen, von Reinhard Lechner besorgten, Lyrikreihe des Grazer Verlags Klingenberg.

Die Gedichte und kurzen Skizzen in dem Buch legen nahe, dass das lyrische Ohr der Verfasserin an den Traditionen der lateinamerikanischen Poesie der Generation eines Neruda geschult ist. Wir finden die Tonfälle von scheinbar naiven, in großer Geste gesetzten Anrufungen neben leiseren, intimeren Passagen. Beides ist stets deutlich von intensiven Emotionen gedeckt. Dieses Nebeneinander von Anrufungsgeste und Intimität erinnert in seinem perspektivischen Wechsel von Innen und Außen, wenn wir an den deutschen Sprachraum denken, zuweilen gar an die Mystik der „Hohen Minne“ des Mittelaters mit ihrem Umschlag der Rede vom Begehren bzw. vom begehrten Körper zur Rede von der Seele vor Gott (und umgekehrt). Nicht zufällig wohl sind zwei Gedichte in Hinblick auf die Sufitradition betitelt, die ja jene Minnemystik damals beeinflusst hat. Hinzu tritt, gesondert, noch das Element der magisch-realistischen Setzung von einzelnen zauberischen Elementen als Kontrastmitteln für die wirklichere Schilderung des je Realen.

Das ist natürlich selbstbewusst planvoller Anachronismus – wogegen nichts spricht: viele der Poeme bieten auch als Narrative große Intensität – ob sie vom erotisch/religiösen Komplex handeln oder von  den Schrecken der Klassengesellschaft („Bäume“), sie bleiben stets im individuell Emotionalen, d. h. Nachvollziehbaren verwurzelt.

Einige der Gedichte handeln explizit von Lateinamerika; einige andere lassen die historisch/geografische Verortung unscharf und verweisen uns auf Schiefers Stil als Hinweisgeber. Drittens gibt es in der Mitte der Sammlung Poeme, die explizit im Hier und Jetzt, irgendwo im Ostalpenraum spielen; sie lesen sich im Kontext als Behauptung, wir kämen der gegenwärtigen Gesellschaft mit solchen Rückgriffen auf vertraute Stilmittel ganz gut bei. Das schlägt dann auch einmal in dialektale Figurenrede um, und auch die sitzt, passt und hat Luft im Gewand solcher Dichtung.

Kurzfassung: Bernadette Schiefers Band ist schön. Die lyrischen Texte sprechen verführerisch zu uns. Wovon sie so sprechen, ist (um William Gibsons schönen Satz über die Zukunft umzudrehen), dass die Vergangenheit nicht vorbei, sondern nur ungleich verteilt ist. Ich möchte mehr davon lesen.

Bernadette Schiefer: Agavenvögel. Abwesenheit des Lichts. Gedichte und Prosaminiaturen. Mit einem Nachwort von Reinhard Lechner. Umschlagbild: Josef Fürpaß. Verlag Klingenberg, Graz 2024. 78 S., br., 14,90 €.

Ein blauer Stuhl, ein blaues Bett

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