Ein blauer Stuhl, ein blaues Bett
Zu Brüchige Stücke von Nancy Campbell
Die 1978 in Schottland geborene Nancy Campbell gilt als Vertreterin des Nature Writing und hat unter anderem das essayistische Sachbuch Fünfzig Wörter für Schnee (2021, engl.: Fifty Words for Snow 2020) verfasst. Heute lebt sie als Lyrikerin und Sachbuchautorin in Oxford. Während Campbell sich 2019 im Rahmen eines Stipendiums in der Villa Concordia in Bamberg aufhielt, erfuhr sie von dem Schlaganfall ihrer Freundin Anna Zvengintzov, von der sie sich zu diesem Zeitpunkt eigentlich trennen wollte. Sie reiste zum Krankenhaus und erfuhr dort, dass diese eine schwere Aphasie erlitten hatte, ihr die Worte abhanden gekommen waren. Nancy Campbell pflegte die Freundin zunächst in der gemeinsamen Wohnung, auch während des ersten Corona-Lockdowns. Als sie das Gefühl hatte, sie allein lassen zu können, zog sie in einen winzigen Wohnwagen am Rand der Stadt. Aus den Aufzeichnungen dieser „surrealen und schwierigen Tage“, wie Campbell im einleitenden Kommentar schreibt, gingen die Uneasy pieces hervor, ein schmaler Band mit Prosagedichten von gerade einmal vierzig Seiten, der nun unter dem Titel Brüchige Stücke (2024) in der Übersetzung von Anja Utler vorliegt.
Den Brüchigen Stücken sind zwei Motti vorangestellt: „Das war die Liebe: eine Verkettung von Zufällen, die Bedeutung anhäuften und zu Wundern wurden“, lautet das erste von Chimamanda Ngozi Adichie und „das ist wie mit dem Glockenläuten, ein jeder kann es so verstehen, wie er will“, das zweite von Leonardo da Vinci.
Bei Adichie bildet sich die Liebe als eine Sprache von Zeichen, die aus einer Verdichtung entstehen. Sie weist damit Analogien zur poetischen Sprache auf. Das Glockenläuten im Sinne Leonardos führt dagegen aus der Vereindeutigung ins Offene. Die Motti beschreiben also gegenläufige Bewegungen: das erste geht davon aus, dass sich Zufälle summieren und daraus etwas Bedeutsames entsteht, das zweite löst sich aus der Vorstellung, dass ein Zeichen auf eine Bedeutung reduziert werden kann. In der Gegenüberstellung entsteht eine reizvolle Spannung im Blick darauf, wie man Lebensgeschichten und -einschnitte versteht, eigene und die der anderen.
Die autobiographische Selbstauskunft der Autorin in Brüchige Stücke liefert eine Möglichkeit der Deutung, gleich im Gedicht „Auftakt: Schläfer“, das von einem Ich spricht, das sich auf den Weg an ein Krankenbett macht. Nancy Campbell vermag es, Prozessuales derart in Sprache zu fassen, dass man sich mitten im Geschehen wähnt. So vermittelt sie etwa den Aufbruch zum Krankenhaus in den Anfangsversen des Gedichts mit Hilfe starker Verben und harter Kontrastierungen bei gleichzeitiger Synchronisierung unterschiedlicher Realitäten: „ich raste durch Europa, kam zu sitzen auf dem blauen Stuhl / und du lagst da und schliefst, auf dem blauen Bett“. Die Reihung der Verben „rasen“ – „sitzen“ – „liegen“ mutet so simpel wie zwangsläufig an und bildet die hektische Bewegung der Zuhilfeeilenden ab. Die Zeit wird hier regelrecht zusammengedrückt, um sich dann wieder zu dehnen, indem Campbell hier Verben geschickt, ja regelrecht muskulös einsetzt.
„Auftakt: Schläfer“ unterstreicht die Verbindung des eben noch in schneller Bewegung befindlichen Subjekts mit dem liegenden erkrankten Menschen durch einen einfachen Trick: Die Kombination von „auf dem blauen Stuhl“ und „auf dem blauen Bett“ deutet eine mögliche Zusammengehörigkeit an, ehe die von Campbell in der Vorbemerkung erwähnte Aphasie thematisiert wird: „du konntest nicht aufstehen / konntest nicht sagen, was dein Kopf zusammenträumte / und obwohl du deine Augen zu hast, flüstere ich / es ist schon eiskalt und überall ist es dunkel bloß hier nicht“. Wie aber, so fragt man sich, sollen zwei noch zusammengehören, deren Verbindung brüchig geworden ist? Es scheint, als sei dies eine Aufgabe dieser Gedichte: Antworten zu suchen auf diese Frage.
Man kann Brüchige Stücke lesen als Einübung in eine Praxis des Liebens im Sinne einer Schärfung der Aufmerksamkeit. Zufällige Zeichen, Gegenstände, Eindrücke, Personen gewinnen an Dignität, indem das sprechende Subjekt sie innerhalb einer bestehenden Beziehung wahrnimmt, aufgreift und zur Sprache bringt. Diese Bewegung der Versprachlichung geht über die des lyrischen Subjekts und des erkrankten Gegenübers hinaus. Die Sinne des Ichs sind offen für andere, für die Kunst, für Details und Marginalien. Eines der eindrücklichsten Beispiele dafür ist das Gedicht „Live from Munich, 1988“. Es schildert die Wirkung eines YouTube-Musikvideos, das den legendären Jazztrompeter Miles Davis dabei zeigt, wie er auf einem Konzert in München einen Klassiker der Popmusik, „Time after time“ von Cyndi Lauper, intoniert. Geschildert wird der tastende und suchende Beginn des Stücks, bei dem Davis wirkt, als wäre er nicht auf der Bühne, dann seine lässige, fast in sich gekehrt wirkende Haltung gegenüber dem Publikum und den Musikern. „[D]as Aufwärmen will und will nicht aufhören“, heißt es im Gedicht, das schließlich vermittels eines Anakoluths mimetisch nachbildet, was auf der Bühne geschieht – „so wird im Moment als er innehält in der Mitte des – sich bückt nach – er einen Schluck Wasser nimmt – Lippen befeuchtet – wird diese Eklipse zur Melodie“ –, indem es mehrfach mit den Regeln der Syntax bricht und sich so die tastenden Versuche des Jazzmusikers anverwandelt.
„Ich kenne den Auftritt auswendig“, heißt es zuvor im Gedicht. Die Wiederholung, die es braucht, damit Übung den Meister macht und aus Verliebtheit Liebe wird, hat dieses Ich also vollzogen. Doch geht das Gedicht über eine Art Reminiszenz hinaus: Indem es als Lied im Lied (Gedicht) mehrere Zitatebenen aufbaut, spannt es einen zeitlichen Bogen vom Moment des Schreibens über die Momente des Anschauens des Videos von Davis‘ Performance bis zur Gegenwart des Gedichts: Der Song ist noch in statu nascendi, aber, um es mit einem Zitat der letzten Zeile des berühmten Gedichts „The Thought Fox“ von Ted Hughes zu sagen: „the page is printed“, das Gedicht ist zu Papier gebracht, und die Musik in Sprache verwandelt. Die Verse werden im inneren Ohr des Betrachters zugleich auch wieder zur Melodie des anrührenden Liebeslieds, dessen schlichte Schönheit es zu einem Evergreen hat werden lassen.
Worum es in diesen tendenziell narrativen Gedichten über den autobiographischen Ausgangspunkt hinaus außerdem ‚geht‘, ist noch nicht hinreichend gefragt worden. Während etliche Gedichte darüber nachdenken, wie mit einem erkrankten Menschen umzugehen sei, den man im Grunde hat verlassen wollen, ob sich eine Trennung aufschieben lässt, wie sich also eine innere Zerrissenheit und liebende Beziehung miteinander vertragen, erschöpfen sich die Brüchigen Stücke nicht in solchen Überlegungen. Ebenso wichtig ist in diesem Band die Frage, wie man einer Person dichtend eine Stimme verleihen kann, die selbst keine hat: „Ich schreibe diese Worte nachts in einem kleinen Zimmer, mit deinem Füller / kratz kratz gesplisste Spitze auf Blatt ich / halte inne, taste nach einem Wort und denke an ein anderes Ziummer / ein anderes stilles Warten auf ein Wort / an eine Zeit vor und nach der Sprache“, heißt es im Schlussgedicht „Coda / Schläfer“.
Das Gedicht „Wie man ein Element entdeckt“ ist der Chemikerin Ida Tacke gewidmet, „Ribbands and Threds“ denkt nach über Anna Maria von Schurmann (1607 bis 1678), eine deutsch-niederländische Universalgelehrte, die als eine der ersten Studentinnen Europas zu Lebzeiten Berühmtheit erlangte und anlässlich der Eröffnung der Universität Utrecht dazu eingeladen wurde, Preisgedichte zu verfassen. In den Gedichten auf Tacke und Schurmann, die immer noch so unbekannt sind wie ihre Zeitgenossin, die Stillebenmalerin Rachel Ruysch, der die Alte Pinakothek, München derzeit eine Sonderausstellung widmet, wird deutlich, wie wenig sich die Geschichtsschreibung lange Zeit für gelehrte und ausnehmend begabte Vertreterinnen künstlerischer und wissenschaftlicher Disziplinen interessiert hat.
Doch „Ribbands and Threds“ widmet sich auch, wie das bereits angesprochene „Live from Munich, 1988“, den Prozessen des Verfertigens und ihrer Endprodukte, insbesondere der Frage, wie mit einem Lesebändchen umzugehen sei. Campbell, die selbst die Buchdruckkunst erlernte, zollt mit diesem Gedicht, das die Funktion eines Lesebändchens und dessen Gebrauch erörtert, einem Interesse am physischen Medium Buch und an der taktilen Seite des memorierenden Lesens Tribut, das zugleich autobiographisch motiviert und als poetologisches zu verstehen ist.
Ein weiteres Beispiel für lyrische Texte, die sich mit Materialität und Medialität auseinandersetzen, sind die drei Gedichte der Abteilung „Kleckse“. Das zweite, „Seeing Through Drawing“, ist außerdem eine Hommage an den Schriftsteller, Maler und Kunsthistoriker John Berger, dessen Skizze von Schafen unter einem Baum Campbell in den Fokus rückt: „Macht es etwas aus, ob die Hand, die den Stift hält, in der Luft ruht oder das Papier berührt? Auf dem Papier hält man an seiner Idee fest, die Luft bietet mehr Möglichkeiten“, heißt es in diesem Gedicht, das sich wie so viele des Bandes der Faszination der Stille und des Schweigens annähert. Atemberaubend schön sind diese Brüchigen Stücke in ihrem Spagat zwischen Selbstsicherheit und Skrupel, zwischen Sprachemphase und Sprachskepsis. Dank Anja Utlers Übersetzerkunst sind sie nun dem deutschsprachigen Lesepublikum zugänglich.